Die Stimmung am Limit. Wenn die Rede manipuliert.

Mit Manipulation (bekanntlich ein sehr dehnbarer Begriff) meine ich jetzt, daß jemand Menschen dazu bringt, etwas zu tun, was sie nach klarer Überlegung und auf Grundlage ihrer Überzeugung normalerweise nicht tun würden.

Begabte können andere manipulieren. Begabte Redner können das mittels der Stimmung, die sie mit ihrer Formulierungs- und Inszenierungskunst gezielt steuern. 

Diese Stimmung setzt Energien in uns frei, die unsern klaren Verstand lähmen und unser geistiges Blickfeld einengen. Das Phänomen ist: In der Masse stecken wir einander an. Die gelenkte Stimmung potenziert in der Menschenmasse ihre Wucht und Wirkung, bis hin zur Massenhysterie. Jetzt agiert nur mehr die Stimmung allein. Ich werde ein Teil der Masse, bald bin ich mit allen andern ganz verschmolzen.

Die Dynamik der Wortgewalt, der Formulierungskunst, des Tempos der Rede und des inszenierten Temperaments des Redners lassen die Masse jubeln und toben oder schreien und spotten oder gehorsamst Befehle befolgen. Ohne Verstand, ohne Überlegung, ohne zu entscheiden. Es geschieht. Aus Stimmung allein.

Ich nenne das die Stimmung am Limit.

Daran dachte ich, als mir ein guter Bekannter von seinem Theaterbesuch erzählt hat:

23. Dezember 2017. Wien, Burgtheater. Am Programm: Henrik Ibsen, Ein Volksfeind. Eine Neuinszenierung, d.h. man erweitert oder ersetzt das Werk des Dichters. In unserm Fall u.a. durch Äußerungen des Protagonisten des Stücks zur österreichischen Politik.

Der unbestritten ausgezeichnete, hochbegabte Schauspieler Joachim Meyerhoff ist heute der praktische Arzt und Badearzt Doktor Tomas Stockmann.

Stockmann richtet dann einmal sein Wort direkt ans Publikum, an in etwa Tausend. Es ist eine flammende, hervorragend inszenierte und bestens dargebotene Rede gegen die erst ein paar Tage zuvor angelobte, funkelnagelneue Bundesregierung.

Vollenden tut er sie mit dem Appell ans Publikum, die totale Ablehnung dieser Regierung zu bezeugen. Man solle sich von den Sitzen erheben, sich umdrehen und als Zeichen der Ablehnung der Bühne / der Regierung den Rücken, den verlängerten, zeigen.

Ich frage meinen Bekannten: Und was hast Du getan?
Er: Ich bin sitzengeblieben. - Wie viele sonst sind sitzengeblieben? - Ich war der Einzige.

Ich rede jetzt nicht über Sinn und Position der Sache, ich bin kein Theaterkritiker. Ich sage rhetorisch relevant nur das Folgende dazu: Dieser Abend am größten Theater deutscher Sprache zeigt zweierlei:

  1. Es spielen dort ganz große Schauspieler. Bringe das jemand einmal fertig, eine Audienz von 1000 in ihrer Mehrzahl wohl intelligenten und kultivierten Damen und Herren, dazu zu bringen, allesamt einer solchen unerwarteten und politisch eindeutigen Aufforderung gehorsamst und öffentlich Folge zu leisten.
    .
  2. Unabhängig davon, wer wir sind und wie wir sind: Wir sind manipulierbar. Und: Manipulieren können wir oder können wir lernen. Auch mit der Rede allein, wie Joachim Meyerhoff das wohl wirklich gut kann kraft seiner Kunst und seines Auftrags.

War das denn Manipulation? Ich sage: ja, das war Manipulation. Weil ich davon ausgehe, daß es nur mit Manipulation möglich war, daß nur ein Einziger aus Tausend sitzengeblieben ist (oder vielleicht zehn, falls er ein paar andere nicht sehen konnte).

Auf dem Weg über die von einem großen Schauspieler gelenkte Stimmung ist handwerklich gesehen Großes geschehen. Was die einen gefreut haben mag, mag den Andern und später dann noch manch zusätzlich Andern zutiefst erschreckt haben.

Das Staunen bleibt allen: Was das Wort alles kann!

Eine der Kritiken der Premiere dieser Aufführung wenige Wochen zuvor finden Sie hier.

 Drucken  E-Mail