Auf den Spuren von Charles de Gaulle und Winston Churchill: Viktor Orbán.

Festrede des Ministerpräsidenten von Ungarn am 15. März 2018 in Budapest.

Ich habe diese Rede im Fernsehen mitverfolgt. Die intellektuelle Redlichkeit fordert, daß ich erwähne, daß ich eine ungarische Seele habe und befangen bin. Bei der Begutachtung dieser Rede hat das aber zumindest den Vorteil, daß ich die für Reden entscheidende emotionale Wirkung tatsächlich spüre.

Die entscheidende Frage nach der Qualität einer Rede ist ja die, ob der Redner sein emotionales und sein substantielles Ziel erreicht hat.

Ich messe diese Rede so: Ja, Orbán hat die Rede so angelegt und so gehalten, daß er die Seelen der Versammelten berührt und in die von ihm gewollte Richtung ausgerichtet hat. Seine Freunde haben gejubelt, seine Gegner und Feinde haben sie entschieden abgelehnt. Egal war sie niemandem. Mission accomplished!

Orbán hat etwas - heute in Europa - Seltenes getan. Er hat im Stil einer Rede an das Volk vor dem Eintritt in den Krieg und im Stil einer Rede eines Feldherrn vor seinen zur Schlacht angetretenen Truppen geredet.

Meiner Erinnerung nach hat es in Europa seit Charles de Gaulle und seit Winston Churchill niemanden mehr gegeben, der diese Kategorie der Rede so exzellent beherrscht wie Orbán heute (soweit es nicht andere gibt, von denen uns aber in den Medien nichts überliefert wird).

Es würde zu weit führen, im Newsletter alle Einzelheiten der Rede zu analysieren. Auf ein Geheimnis der Wirkungskraft dieser Rede weise ich allerdings hin:

Kein einziges Mal sabotiert Orbán die Wirkungskraft seiner Rede, indem er sich der befohlenen Sprache und Wortwahl der Political Correctness bedienen würde. Hier sind nur klare Worte zu hören und sein klarer Wille zu spüren.

Schon um der Einmaligkeit dieser Redekategorie willen lohnt es sich, diese Rede zu hören. Daß führende Politiker und ihre Redenschreiber diesen Stil der Feldherrenrede parat haben, ist nicht Kür. Das ist ihre Pflicht.

Ich ziehe den Kreis sogar noch weiter: Wirtschaftsbosse, CEOs, Top-Manager müssen diesen Stil ebenso intus haben. Entscheidende, für die Zukunft des Unternehmens schicksalshafte Lagen können jederzeit eintreten und brauchen immer rhetorisch brillante Reden dieser Art der Feldherrenrede an die eigene Mannschaft. (Ich habe ein eigenes „Spezial-Seminar Feldherrenrede“ designt. Siehe unten im nächsten Abschnitt Nr. 4.)

Daher:
Wenn Sie politisch anderer Meinung sind als Orbán: Bitte abstrahieren Sie von ihr und beobachten Sie, wie Orbán diese Rede anlegt. Rhetorisch ist die Rede jedenfalls ein Gewinn.

Was ist wichtig zu wissen, um sie im richtigen Kontext zu hören?

Der 15. März ist ein ungarischer Nationalfeiertag. Hier gedenkt man der Revolution von 1848 gegen die Vorherrschaft des Hauses Habsburg und für die Freiheit Ungarns.

Der 15. März 2018 ist geprägt vom Wahlkampf. Drei Wochen später, am 8. April wird das ungarische Parlament gewählt. Hauptthema im Wahlkampf ist die Absicht der EU-Kommission und der Wille aller Oppositionsparteien, Ungarns Grenzen für die Immigranten aus aller Welt zu öffnen - nach dem Vorbild von Deutschland, Schweden, Österreich u.a.

Das Video hier ist mit englischen Untertiteln versehen. Was die Emotionalität anbelangt, ist die englische Übersetzung sogar geeigneter als die deutsche.

2 Dokumente stelle ich Ihnen hier zur Verfügung:

Das ungarische Transkript und die deutsche und englische Übersetzung
Details zur Strategie der Rede

Wichtiger Hinweis für meine neuen Leser: Reden werden hier nie aus weltanschaulichen, sondern ausschließlich aus rhetorischen Gründen vorgestellt.

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