Eine große Rede, ganz klein. Bischof Michael Currys Predigt

zur Hochzeit von Prince Harry und seiner Meghan am 19. Mai 2018.

Vielleicht möchten Sie das Video vorher unbeeinflußt von meinem Kommentar unten ansehen. Möchten Sie die englische Rede mitlesen, öffnen Sie das Transcript.

Einberufen zu werden, um in Anwesenheit des Oberhaupts der Anglikanischen Kirche, Queen Elizabeth II. und ihrer ganzen Familie anläßlich einer royalen Trauung zu predigen, das geschieht höchstens ein Mal in einem ganzen, langen Menschenleben. Nicht zu reden von der Audienz in der Kirche und von den Millionen von Zusehern weltweit.

Die Geschichte der Rhetorik ist zum größeren Teil die Geschichte verpasster Gelegenheiten. Hier sehen wir ein Beispiel einer solchen verpassten Gelegenheit.

Bischof Curry ist ein Opfer zweier Dinge geworden: Er ist ein Opfer seiner rhetorischen Kunst geworden, und er ist das Opfer einer großen Verwechslung geworden. Er hat diesen Gottesdienst mit einem Event, mit einer Show verwechselt.

Wie konnte das geschehen? Ich begründe das so:

Es gibt grob gesprochen zwei Arten von Rednern: begabte und unbegabte. Das Risiko des Unbegabten ist ein einfaches: Übt er nicht fleißig, wird es nichts.

Das Risiko des Begabten ist ein zweifaches: Übt er nicht fleißig, wird es nichts. Dazu: Dient er seiner Eitelkeit und hört sich selbst am liebsten zu, wird es erst recht nichts. Curry ist ein begabter Redner mit doppeltem Risiko.

Es ist überhaupt keine Frage: Herr Curry beherrscht die Klaviatur der freien Rede. Er ist ein Virtuose seines Instruments. Er ist ein Meister der Stimme, der Mimik, der Gestik, der Körpersprache, der Intonation, der Atmung, des Blickes, der Dramaturgie, des Spiels mit der Audienz, des Erzählens, der Emotionen.

Sieht man ihm zu: Als Rhetor möchte man können, was er kann.
Man möchte sich trauen, es so zu tun, wie er es hier tat.

Alleine, wozu? Wozu hier in Windsor?

Sind wir denn im Theater? Führen wir hier etwas vor? Führen wir hier etwas auf? Lautete der Auftrag so?

Verschärfend der Anspruch des Gottesdienstes, den wir „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ feiern.

Begabte Redner haben es nicht leichter als unbegabte. Sei froh, Du Unbegabter, solange Du eine Botschaft hast. Denn Du bist freier von Eitelkeit und Selbstüberschätzung und bist persönlich bescheidener als der Begabte. Dein Talent ist kleiner – Deine Worte nach hartem Ringen um sie umso größer, Deine Rede umso vollmächtiger, Deine Hörer umso dankbarer.

Wenn Du denn die Rede sehr gut vorbereitet hast.

Ich zitiere Agnes Buchbinder, die Frau Rudolfs. Kontext: Es ist gerade die Rede gewesen von der einfachen Natürlichkeit und persönlich bescheiden wirkenden Selbstverständlichkeit, mit der Rudolf Buchbinder (der Pianist) schwerste Passagen größter Werke ohne jeden Anflug von Theatralik wunderschön spielt:

„Ich muß ehrlich sagen, dieses Theater, was man auf der Bühne aufführt, um zu zeigen, wie schwierig ein Stück … Der Komponist war [sich dessen] bewußt, was er da geschrieben hat. Man muß nicht mehr daraus machen. Und dieses tiefe Empfinden – wenn man imstande ist, das zu vermitteln – das ist, glaub‘ ich, das, was ihn unterscheidet von andern.“

Das große Unglück dieser Predigt: Curry hat mehr daraus gemacht. Lesen Sie das Transkript, ohne ihn zu hören: Der Text ist von ein paar Kleinigkeiten abgesehen sehr gut. Er aber hat mehr daraus gemacht. Und geworden ist daraus weniger, im Ergebnis nämlich. Man kann den Lehrsatz formulieren: Machst Du mehr daraus, gibst Du Deinen Hörern weniger davon.

Wissen Sie, warum das so ist? Wenn ich Curry höre, bin ich am Anfang zwar wirklich beeindruckt, eine Zeit lang sogar begeistert, aber es beschleicht mich je länger desto mehr das Gefühl: Es geht im gar nicht um mich. Es geht ihm auch nicht um Jesus oder um die Liebe oder um seine Botschaft. Es geht ihm um die Show. Und so geht es nicht nur mir, wenn ich ihn höre, so geht es den meisten, bewußt oder unbewußt. In Wahrheit ist das ein Desaster.

Letzten Endes hat er also alles zu Nichts gemacht. Verdammter eitler Tand! Das ist die Falle, in die wir sehr leicht tappen können, wenn wir nicht auf der Hut sind.

Darum ist es gut, wenn wir gute und schlechte Vorbilder sehen. Lernen können wir von beiden. Von Otto Schenk lernen wir, wie wir es machen sollen. Von Curry, wie wir es lieber nicht machen sollen.

Meine ausführliche Kritik Currys (PDF)

Und einen köstlichen, sehr lustigen Kommentar zur Predigt von Quentin Letts finden Sie hier (PDF).

 Drucken  E-Mail