Kevin Spacey – Let Me Be Frank

1 Rede. 3 Minuten. 10 Millionen Aufrufe. Wie macht er das?

Was macht die gewaltige Wirkungskraft dieser Rede aus?
Was ist das Geheimnis?

10 Millionen 312 Tausend 3 Hundert 16!
So viele Aufrufe hat dieses Video seit dem 24.12.2018 schon gezählt (Stand: 17.02.2019).

Das hat sicher nicht nur daran gelegen, daß es um eine gepushte Kampagne rund um das unselige #metoo gegangen ist.

Und sicher nicht nur daran, daß der Redner ein weltberühmter Schauspieler ist, der in der Netflix-Serie House of Cards den US-Präsidenten Frank Underwood (auf dessen Name der Titel der Rede anspielt) mimt und den man sofort nach Erheben der Vorwürfe aus der Serie eliminiert hat.

Es kann auch nicht nur an der wirklich grandiosen Inszenierung dieser 3-Minuten Produktion liegen, die ich hier nicht im Detail beschreiben will, weil Sie sie ohnehin gleich (wieder) sehen werden. Nur ein kleines Detail erwähne ich für diejenigen unter Ihnen, die die Serie nicht kennen.

Um den raffinierten, ja diabolischen und machiavellistischen Charakter dieses US-Präsidenten zu verdeutlichen, hat man mitunter einzelne Sequenzen angehalten. Frank Underwood ist dabei aus der Handlung ausgestiegen, hat in die Kamera – also in unsere Augen – geschaut und seine hintergründigen Gedanken eben zur aktuellen Szene mitgeteilt und uns damit an seinen Überlegungen und Motiven teilhaben lassen.

Es ist dieses Stilmittel, das er in der jetzigen Rede verwendet. Seinen Fans ist das gut vertraut. Der Anspruch, der dahintersteht: Jetzt sind wir ganz unter uns und ich erzähle Euch meine innersten Gedanken, meine wahren Motive und ich gebe Euch meine innere Überzeugung preis.

Zurück zu meiner Hauptfrage heute.

Was ist nun der Hauptgrund für die gewaltige Macht und Wirkung dieser Rede?

Es ist die ungeheure Dichte des Dialogs mit uns. Ich habe so eine Dichte in einer Rede von nur drei Minuten nur selten oder vielleicht noch gar nie erlebt. Ich zeige sie Ihnen jetzt optisch. Öffnen Sie einmal dieses Papier (PDF) hier und kommen Sie gleich wieder zurück.

Sie sehen, daß ich zuerst den Text der Rede zu Papier gebracht habe. Redeanalysen gelingen besser, wenn wir nicht nur hören, sondern auch sehen, nämlich die gehaltene Rede transkribiert.

Ich bin dann meiner ursprünglichen Vermutung auf die Spur gegangen. Meine Vermutung war, daß Herr Spacey eine geradezu unheimliche emotionale Bindung aufgebaut hat zwischen sich und uns. Und zwar von der allerersten Sekunde an. Und diese Verbindung hat er nie losgelassen. Kein einziges Mal. Bis zum allerletzten Satz ist er an uns drangeblieben.

Die Visualisierung hat meine instinktive Vermutung bestätigt. Ich habe alle Personalpronomina eingeringelt und mir das Blatt dann nur angesehen. So, wie Sie es jetzt auch gesehen haben. Unglaublich viele Ringerln. I, You, You and I und dazu We, aber nur drei they.

Ergebnis in Zahlen:

  • 33 x I, me, my
  • 26 x you (inkludiert 3 x das emotional ganz starke you and I, das ist stärker als we)
  • 9 x we
  • 3 x they
  • In Summe 71 x Personalpronomina auf 1 Seite. Davon nur 3 they.

Diese dialogische Dichte macht die Vollmacht und die Wirkungskraft dieser Rede.

Ich nehme noch zwei Details unter die Lupe, die auch mit der außergewöhnlich hohen Frequenz der Personalpronomina zusammenhängt.

Die Wirkungskraft einer Rede hängt immer auch mit folgenden beiden Fragen zusammen:

  1. Was tut innerhalb der Rede jemand konkret? Je klarer der Redner es erzählt, desto stärker die Wirkung.
  2. Wie lauten der allererste Satz und der allerletzte Satz der Rede? Je besser, treffender diese Sätze, desto stärker die Wirkung der ganzen Rede.

Ich zitiere nur aus der Rede. Bitte lassen Sie das auf sich wirken, dann brauchen Sie keine weiteren Anmerkungen von mir. Sie spüren es selbst. Stellen Sie sich nun vor, er sagt das tatsächlich jetzt zu Ihnen persönlich.

Zu Punkt 1:

  • I told you.  
  • I showed you.
  • I shocked you.
  • I challenged you.
  • I made you think.
  • I know what you want.
  • I can promise you.
  • You trusted me.
  • You knew.
  • You want me back.
  • You loved it.
  • You will know.
  • You never ... saw me die.
  • [You] Miss me?
  • We shared everything, you and I.
  • We're not done.
  • We're not afraid.
  • We said.
  • We did.
  • We're still not afraid
  • You and I know.
  • You and I have learned.

Zu Punkt 2:

a) I know what you want. Ganz am Anfang – ohne jede Floskel davor.
b) Miss me?  Ganz am Schluß – ohne jede Floskel danach.

Stellen Sie sich vor, Sie würden – natürlich muß es zum Anlaß und zum Wirkungsziel passen – den Satz a) am Anfang und den Satz b) am Ende Ihrer Rede sagen und Ihren Hörern dabei auch wirklich in die Augen schauen! Spüren Sie, wie brisant, wie mutig und wie unglaublich stark das ist? Das mußt Du Dich erst einmal trauen.


Liebe Leser!

Jetzt schauen Sie sich diese Rede unter diesen rhetorischen Blickwinkeln noch einmal ganz genau an. Wer weiß? Vielleicht entdecken Sie sogar noch etwas, das ich bisher übersehen habe.

Sie und ich wissen: Reden ist fürwahr ein spannend‘ Ding!

PS: Was mich vor Neugier platzen läßt: Wer hat diese Rede geschrieben? Herr Spacey persönlich? Oder ein Redenschreiber? Ich sag’s gleich, ich war’s nicht!
Aber ich könnte es gewesen sein. Wollen Sie demnächst eine Rede halten, die auch wirklich wirkt? Stark? Ich bin Ihr Mann! Anruf oder E-Mail genügt. Willkommen an Bord!

Wichtiger Hinweis für meine neuen Leser: Reden werden hier nie aus weltanschaulichen, sondern ausschließlich aus rhetorischen Gründen vorgestellt.

 

Foto-Quelle: serienjunkies.de

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