Aus einer anderen Welt? Eine Rede von gestern. Und doch für heute?

Heute zeige ich Ihnen eine gut recherchierte und historisch zuverlässig belegte Rede eines großen Mannes, gehalten im Jahre 1713.

Vorgeschichte: Sofort nach dem Ableben seines Vaters hat der neue König in Preußen Friedrich Wilhelm I. die Liste mit den Inhabern aller Würden und Ämter des Hofes zur Bestätigung vorgelegt bekommen. Zum großen Schrecken aller hat der Soldatenkönig alle Namen durchgestrichen und die Männer ihrer Aufgaben enthoben, mit sofortiger Wirkung.

Friedrich Wilhelm I 1713“ von Samuel Theodor Gericke. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

„Friedrich Wilhelm I 1713“ von Samuel Theodor Gericke. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons

„Am nächsten Morgen waren zu der ungewöhnlich frühen Stunde von sieben Uhr die Minister zum König beordert. Man rechnete mit einem neuen Strich durch die Liste.

Der König sprach zum erstenmal in längerer Rede; man war auf Schimpfworte gefaßt gewesen und erwartete sein schnarrendes ‚Ordre parieren – nicht räsonieren’, das schon den alten König zur Verzweiflung brachte, wenn er es den Kronprinzen von den höchsten Räten sagen hörte.

‚Nach den Umstellungen der letzten Jahre’, hob König Friedrich Wilhelm ruhig an und blickte jeden von ihnen, die im Halbkreis vor ihm standen, sinnend an, ‚haben Sie alle dem verstorbenen König, meinem Vater, wohl gedient; ich hoffe, daß Sie auch mir das gleiche tun werden.

Ich bestätige jeden von Ihnen in seinem Amte und verspreche Ihnen, daß, wenn Sie mir treu sind, ich Ihnen gegenüber nicht nur als ein guter Herr, sondern als Bruder und Kamerad handeln werde.

Es gibt aber einen Punkt, von dem ich Sie benachrichtigen muß: Sie sind an beständige Kabalen gegeneinander gewöhnt, ich will, daß Sie unter meiner Regierung aufhören, und versichere Ihnen, daß ich jeden, der eine neue Intrige anfängt, auf eine Weise bestrafen werde, die Sie in Erstaunen versetzen wird.

Man muß dem Landesherrn mit Leib und Leben, mit Hab und Gut, mit Ehre und Gewissen, dienen und alles daransetzen – außer der Seligkeit. Die ist für Gott. Aber alles andere muß mein sein.’“

Das war die Rede. Die ganze, klare Rede.

Quelle: Jochen Klepper, Der Vater. Roman eines Königs, dtv, 2011, S.79 f.

Ein Buch, das ich Ihnen zu lesen empfehle.

 Drucken  E-Mail