Große Reden in großen Filmen. Jack Nicholson als Colonel Jessep in “A Few Good Men”.

In großartigen Filmen hören wir oft großartige Reden. Die Reden sind großartig komponiert und ebenso großartig gespielt. Damit sind sie ein erstklassiges Vorbild für jeden, der Reden zu schreiben und zu halten hat.

Ich zeige Ihnen heute dieses Beispiel:
Die ungeheur intensive Rede des von Jack Nicholson gespielten Oberst Jessep, in seiner gerichtlichen Konfrontation mit dem Anwalt Leutnant Kaffee (Tom Cruise).

 

Hier der Filmausschnitt, darauf folgt das Transskript, schließlich eine Anmerkung:

Transskript:

Lieutenant Kaffee: Colonel Jessep! Did you order the "code red?!!"

Judge Randolph: You don't have to answer that question!

Jessep: I'll answer the question. You want answers?

Lieutenant Kaffee: I think I'm entitled to them.

Jessep: You want answers?!

Lieutenant Kaffee: I want the truth!

Jessep: You can't handle the truth! Son, we live in a world that has walls, and those walls have to be guarded by men with guns. Who's gonna do it? You? You, Lieutenant Weinberg? I have a greater responsibility than you can possibly fathom. You weep for Santiago, and you curse the Marines. You have that luxury. You have the luxury of not knowing what I know -- that Santiago's death, while tragic, probably saved lives; and my existence, while grotesque and incomprehensible to you, saves lives.

You don't want the truth because deep down in places you don't talk about at parties, you want me on that wall -- you need me on that wall.

We use words like "honor," "code," "loyalty." We use these words as the backbone of a life spent defending something. You use them as a punch line.

I have neither the time nor the inclination to explain myself to a man who rises and sleeps under the blanket of the very freedom that I provide and then questions the manner in which I provide it.

I would rather that you just said "thank you" and went on your way. Otherwise, I suggest you pick up a weapon and stand the post. Either way, I don't give a DAMN what you think you're entitled to!

Lieutenant Kaffee: Did you order the "code red?"

Jessep: I did the job I was --

Lieutenant Kaffee: -- Did you order the "code red?!"

Jessep: You're god damn right I did!!!

Dramaturgie und Zuspitzung:

Eine Konfrontation ist saftlos, kraftlos, harmlos, wenn Sie eingenebelt wird in ‚vielleicht’, ‚möglicherweise’, ‚verstehen Sie doch den andern Blickwinkel’, ‚angenommen, dass’, ‚versuchen Sie, sich in meine Lage zu versetzen’.

Eine Konfrontation ist nur dann kraftvoll, dramatisch und zuspitzend,

  • wenn sie persönlich gehalten ist (lesen Sie bitte alle ‚you’ und ‚we’ und „I’ Sätze und wie genau Jessep diese Pronomina einsetzt), 
  • wenn sie einander ausschließende Werte oder Haltungen polarisiert positioniert (‚responsibility’, ‚luxury’ ‚---saves lives’, ‚truth’, ‚parties’, ‚honor – code – loyalty’: ‚backbone’, ‚punchline’) und
  • wenn sie schließlich explizit auf den Punkt kommt, in extremis (wie hier) auf den „point of no return“ (Zuspitzung, wo es nur mehr zweierlei gibt: Sieg oder Niederlage, wem es um die Ehre geht, für den ist dann sogar das einerlei).

Diese Rede im Film ist als eine ungeheuer ehrliche Rede geschrieben und gespielt worden. Colonel Jessep offenbart sein Innerstes. Darin liegt hier die Kraft der Konfrontation. Sie deckt beide Kontrahenten schonungslos auf. Sie zwingt zu einer Entscheidung. Entweder für den einen oder für den andern.

Das rhetorische Risiko: Eine erstklassige Konfrontationsrede ist mitunter die letzte Rede eines Mannes.  Das ist nicht nur im Film so.

 

 Drucken  E-Mail