Präzision in der Wirkung. Führen oder verführen?

Ich habe selten eine Rede gehört, die so unmittelbar ihre volle Wirkungskraft entfaltet und so präzise ihr Wirkungsziel erreicht hat wie die grosse Antrittsrede des neuen  Kanzlerkandidaten der SPD, Martin Schulz.

Wichtiger Hinweis für meine neuen Leser: Reden werden hier nie aus weltanschaulichen, sondern ausschließlich aus rhetorischen Gründen vorgestellt.


Erlauben Sie mir ein paar Anmerkungen zur Rhetorik dieser Rede:

Was wollte Schulz bewirken?

Er wollte

  • die ganze SPD um sich scharen und sie
  • zu einer Kampfgemeinschaft zusammenschweißen,
  • sie für den Wahlkampf motivieren und mobilisieren,
  • sich als idealer Parteichef und Bundeskanzler präsentieren,
  • sich den Gegnern als sehr ernsten Kämpfer um die Macht positionieren und
  • allen Anhängern echte Aussicht auf einen großen Sieg der SPD geben.

Wie hat er die Rede daher angelegt?

  • Er hat viel von sich erzählt. Beziehung und Vertrauen ist ohne „ich“ nicht zu knüpfen und zu wecken. Das weiss Schulz gut.
  • Schulz hat die Genossen konsequent direkt angesprochen. Er hat alle wichtigen SPD-Führer in Bund und Land lobend erwähnt und sie so an sich gebunden. Sich selbst hat er explizit in die Reihe der großen Führer der SP in der Geschichte Deutschlands gestellt. Schulz will Geschichte schreiben.
  • Er hat die persönlichen Angriffe seiner Gegner aufgegriffen und den Spieß sehr gefühlsbetont umgedreht. Seine ihm unterstellten Schwächen (keine Matura, Alkoholikerepisode u.a.) hat er in Stärken umgewandelt..
  • Er hat viele kleine Geschichten erzählt und anschauliche Beispiele gebracht. Jedermann konnte alles verstehen. Einfache Sprache, klare Ansage.
  • Er hat sich auf ein Wechselbad der Gefühle eingelassen und seine Hörer durch alle emotionalen Wetterlagen geschickt. Schulz hat nichts ausgelassen.
  • Handwerklich ist die Rede sehr gut. Melodie, Tempo, Artikulation, Pausen, Blickkontakt, szenisch professionelle Entgegennahme von Applaus (in der ersten Hälfte) und von Huldigungen (je später, desto mehr davon) in einer Mischung aus Demut, Freude und siegesgewissem Stolz mit einem Anflug von zur Schau gestellter Überlegenheit. Wollte er den Triumph des großen Sieges vorwegnehmen?
  • Er hat ein Hauptthema geschaffen und es konsequent als roten Faden durch die Rede gezogen: die Gerechtigkeit im Sinne des Klassenkampfes.
  • Er hat alle emotional unumstrittenen, daher zusammenschweißenden Themen angerissen, ohne ins sachliche Detail zu gehen. Das wäre bei diesem Wirkungsziel heute auch zu riskant gewesen, denn ratio kann emotio irritieren.
  • Folgerichtig lässt Martin Schulz sehr sensible Themen überhaupt aus. Er hat gewusst: Schreibe ich eine Rede und habe ich mein Wirkungsziel vor Augen, muss ich auch klären: Worüber darf ich heute auf keinen Fall reden? Flüchtlinge und Islamisierung sind kein gutes Thema heute, hat Schulz als Vollblutpolitiker freilich gewusst.

Was fehlt? Was riskiert Martin Schulz?

  • Humor? Entspannt ist Schulz nicht. Sein Risiko ist, dass er fanatisch und verbissen wirkt. Wer fanatisch und verbissen ist, ist verletzlich und leicht verletzbar und in der Folge verletzend. Kluge Gegner nutzen das. Provokationen werden folgen.
  • Unterscheidet Schulz einfach von simpel? Sind seine Beispiele anschaulich oder plakativ? Wirft er andern vor, nur Gefühle zu „schüren“ und „einfache Lösungen“ zu bieten, muß er diesbezüglich sehr selbstkritisch bleiben.
  • Der Übergang von emotionalem Führen zum listigen Verführen ist fließend. Weil er das rhetorische Spielen mit menschlichen Gefühlen sehr gut beherrscht, ist er gefährdet, ein glanzvoller Demagoge zu werden oder zumindest diesen Anschein zu erwecken. Segen und Fluch liegen bei Charismatikern verdammt nahe beieinander. Das ist schwer für den Charismatiker und schwer für das Volk.

Bleibt mein Gesamteindruck: Schulz hat das Wirkungsziel seiner Antrittsrede präzise definiert und mittels rhetorischer Qualitätsarbeit präzise erreicht.

Für die Redekultur in der Demokratie ist die Rhetorik von Schulz allemal gut. Schulz fordert seine Gegner rhetorisch stark heraus. Sie müssen sich jetzt rhetorisch gut wappnen und tüchtig rüsten. Das wiederum kann einer lebendigen Demokratie nur nützen.

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