Präzision in der Sache. Argumente oder Stimmungsmache?



Wichtiger Hinweis für meine neuen Leser: Reden werden hier nie aus weltanschaulichen, sondern ausschließlich aus rhetorischen Gründen vorgestellt.


Es ist schon riskant, was Frau Frauke Petry hier wagt.

Sie schickt sich an, in vollem Saal vor ein paar hundert Leuten eine Rede zu halten.
Bevor sie beginnt, liest sie einen Flugzettel vor, den Gegner der AfD verteilt hatten.
Sie will dem, was da zu lesen ist, auf den Grund gehen.

Sie ruft anwesende Gegner auf, nach vorne zu kommen, um die Vorwürfe (z.B. die AfD möchte die Frauen zurück an den Herd schicken und sie sei homophob) Punkt für Punkt durchzugehen. Sie ruft Flugzettelverteiler auf, ihren Standpunkt zu erklären. Ein paar melden sich und gehen nach vorn.

Ganz Naturwissenschafter, sucht Frau Petry immer nach den Quellen und nach den Belegen für die Dinge, die am Flugblatt stehen: „Sie wiederholen die Hypothese, das ist gut, aber nun sagen Sie uns, wo Sie das begründet sehen.“

Das ist ihr roter Faden in der Auseinandersetzung mit ihren Gegnern. Das führt freilich noch nicht zum Überzeugen der Gegner, aber es führt zu einer wichtigen Klärung: Ist das, was da geschrieben steht, überhaupt wahr?

Der zweite Schritt ist dann logischerweise die Klärung der nächsten Frage: „Was ist nun auf Grundlage klarer Quellen wahr? Was vertritt denn die AfD in bezug auf z.B. Frauen und Homosexualität tatsächlich?“

Und danach  erst, im dritten Schritt, kann man sich endlich, endlich tatsächlich heftig um weltanschauliche Positionen streiten. Das ist, was Frau Petry hier anzustreben scheint.

Das Forum, in dem sie das umsetzen wollte, war denkbar schwierig:

  • Viele Parteigänger agierten selbst so wie die flugblattverteilenden Gegner der AfD.
  • Und, natürlich: Die Flugzettelverteiler waren absolut unvorbereitet, sowohl inhaltlich als auch psychologisch.

Das ist nun Teil des politischen Spiels, ob man es mag oder nicht.

Grundsätzlich gilt freilich:

Je emotionsgeladener die Lage ist, desto wichtiger ist Präzision in der Sache.

Mein Gesamteindruck im Blickwinkel dieses Grundsatzes:

  • Die Idee Frau Petrys macht Sinn: Zuerst Präzision in der Sache. Dann Streiten um die Sache.
  • Ihr Schritt ist mutig, denn die Lage ist emotionsgeladen, sie kann ihr genausogut entgleiten.
  • Ihre Methode: in direktem Gespräch mit den Gegnern zunächst den Dingen so auf den Grund gehen, dass sich beide Seiten darin einig sind, was doch nicht wahr und was dagegen wahr ist.
  • Die Versuchung, ihre Gegner vorzuführen, ist stark. Sie hat mit ihr nur kokettiert.
  • Sie hat die Frage nach der Quelle konsistent durchgehalten.
  • Sie hat von beiden respektvolle Disziplin eingemahnt: von ihren Anhängern und von ihren Gegnern. 

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