Auf den Spuren von Charles de Gaulle und Winston Churchill: Viktor Orbán.

Festrede des Ministerpräsidenten von Ungarn am 15. März 2018 in Budapest.

Ich habe diese Rede im Fernsehen mitverfolgt. Die intellektuelle Redlichkeit fordert, daß ich erwähne, daß ich eine ungarische Seele habe und befangen bin. Bei der Begutachtung dieser Rede hat das aber zumindest den Vorteil, daß ich die für Reden entscheidende emotionale Wirkung tatsächlich spüre.

Die entscheidende Frage nach der Qualität einer Rede ist ja die, ob der Redner sein emotionales und sein substantielles Ziel erreicht hat.

Ich messe diese Rede so: Ja, Orbán hat die Rede so angelegt und so gehalten, daß er die Seelen der Versammelten berührt und in die von ihm gewollte Richtung ausgerichtet hat. Seine Freunde haben gejubelt, seine Gegner und Feinde haben sie entschieden abgelehnt. Egal war sie niemandem. Mission accomplished!

Orbán hat etwas - heute in Europa - Seltenes getan. Er hat im Stil einer Rede an das Volk vor dem Eintritt in den Krieg und im Stil einer Rede eines Feldherrn vor seinen zur Schlacht angetretenen Truppen geredet.

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Englisch oder griechisch reden? Warum nicht gleich griechischenglisch? Eine rhetorische Rarität erster Güte.

Kennen Sie Xenophon Zolotas? Ich habe ihn auch nicht gekannt. Ich las gerade Alexandre Lámfalussys (Chef des Europäischen Währungs Instituts EMI) Biographie. Da erwähnt er Zolotas: Grieche, Finanzexperte, von 1989 bis 1990 Interim Premierminister von Griechenland.

Lámfalussy erzählt ganz beiläufig von 2 ganz, ganz kurzen Reden, die Zolotas vor Bankiers aus aller Welt gehalten hat.

Der Patriot wollte unbedingt griechisch vortragen. Das ging natürlich nicht. Konferenzsprache war in beiden Fällen Englisch. Humorvoll wie er war, hat Zolotas daher folgendes gemacht:

Er hat fast ausschließlich griechische Wörter verwendet. Und wenn man die Reden aufmerksam durchliest: So artifiziell diese lustige Idee ist, die Reden sind tatsächlich sinnvoll und haben eine Botschaft. Köstlich zu lesen. Und nebenbei sehen wir, wie viele griechische Wörter uns tatsächlich geläufig sind.

Eine sehr amüsante Idee, auf solchen Fachkonferenzen sicher eine für alle unterhaltsame Abwechslung!

Hier die Reden im Wortlaut: Link

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Die Geschichte vom teuersten Beistrich der Welt.

Was alles passieren kann, wenn man schlampig ist! Da vergißt jemand auf einen Beistrich im Satz und schon kostet das Millionen.

Was ist geschehen? Bei einem Fußballspiel schießt einer den Ball mit einer so großen Wucht gegen den Brustkorb eines gegnerischen Spielers, daß der über den Umweg einer Prellung und einer Verengung der Herzgefäße einen Herzinfarkt bekommt. Die Folgen sind dramatisch: 70% invalid.

Nächster Schritt: Versicherung. In der Polizze des Unglücklichen steht folgendes:

Herzinfarkt ist als Unfallursache nicht aber als Unfallfolge versichert.

Logisch, wie die Versicherung das nun auslegt: Geld gibt es nur, wenn der Herzinfarkt den Unfall auslöst und nicht umgekehrt.

Die Causa wandert zum Gericht.

Der Richter sieht goldrichtig: Da fehlt ja ein Beistrich. Daher kann man den Satz in zwei Richtungen auslegen.

Richtung 1: Herzinfarkt ist als Unfallursache, nicht aber als Unfallfolge versichert.
Richtung 2: Herzinfarkt ist als Unfallursache nicht, aber als Unfallfolge versichert.

Der Richter entscheidet zugunsten des Versicherten.

Der Beistrich! So klein. Für viele so unwichtig. Und jetzt so teuer!
1,8 Millionen! Das tut weh.

Ich kenne einen Juristen eines großen Konzerns. Dessen Aufgabe ist es, Verträge zu formulieren und Verträge anderer Kollegen gegenzulesen. Achte auf jeden Beistrich, kann man da nur empfehlen.

Warum mir diese Geschichte eine Warnung ist?

Wenn ich jemandem eine wichtige Rede schreibe, wie wichtig ist der Beistrich auch da!

Warum? Der Beistrich macht die Melodie und die Pause und die Betonung.
Er macht (den) Sinn!

Lesen Sie die beiden Sätze oben unter Richtung 1 und 2 einmal laut. Merken Sie den Unterschied? Melodie? Pause? Betonung? Sinn? Probieren Sie es noch einmal, laut!

Wenn ich jemandem eine Rede schreibe und der Betreffende ist dann zu lässig, sie vorher laut zu üben, dann kann ihn genau das retten, daß ich den kleinen, feinen Beistrich richtig gesetzt hatte. Vorausgesetzt, er sieht ihn rechtzeitig. Darum, lieber Redner: vor der Rede laut üben, übern, üben! Bitte!

Der Beistrich ist wichtig im Notenblatt der Redemelodie, entscheidend wichtig.

Die Geschichte vom teuersten Beistrich der Welt habe ich hier gefunden.

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