Die ganz andere Rhetorik des Krieges Teil 2

Géza Ákos Molnár 30. Juli 2026


Das Unaussprechliche zu artikulieren, weil es realiter grausam und daher lieber tabuisiert wird, ist in historisch entscheidenden Augenblicken (griech.: kairos) not-wendige rhetorische Pflicht. 

Im ersten Teil der ganz anderen Kriegsrhetorik haben wir einen derartigen Redeausschnitt eines Schweizers gehört. Es ging expressis verbis um das Monster in uns, das der Krieg leicht und schnell wecken und dann zu entsetzlichen Gräueltaten führen kann. 

Nelio Biedermann, Lázár

Heute geht es auch um den Krieg. Ich zeige Ihnen in dem 2026 erschienenen Familienroman „Lázár“ eine Geschichte, die Béla, der langjährige Bedienstete der Familie aus dem kleinen Landadel Ungarns den Kindern immer wieder erzählt hat. 

Den Roman hat Nelio Biedermann geschrieben. Er ist so wie Roger Köppel auch Schweizer, nach meinem Eindruck ein sehr begabter großer Dichter, gerade erst 23 Jahre alt. 

Zur Geschichte: Es ist Krieg. An einem bitterkalten Wintertag verläßt die Familie ihr Landschloß und flieht mit dem notwendigsten Hab und Gut auf ihrer Pferdekutsche vor den herannahenden Sowjettruppen gen Westen. 

Die Familie sieht unterwegs unglaublich schlimme Schicksale von andern Menschen auf der Flucht. Eine junge Frau etwa, mit ihrem Baby in den Armen, eng an ihren Körper gedrückt, um es notdürftig zu wärmen. Vergeblich. Es war bereits gestorben. 

Als die Lázárs all das Schlimme des monströsen Krieges sehen, kommt ihnen die Geschichte in den Sinn, die Béla ihnen während der letzten Jahre immer wieder erzählt hatte. 

Ich zitiere sie: 

Béla erzählt

„Und am Himmel kreisten einzelne Raben, die wie Schatten aussahen und Eva an die Geschichte des alten Béla erinnerten. Seit er kaum noch etwas sah und den Schlossalltag auch sonst eher behinderte als erleichterte, hatte er die Geschichte zur moralischen Erziehung und Schulung des Mitgefühls regelmäßig erzählt.

Es ging darin um einen Blinden, dessen Eltern gestorben waren und der deshalb von einer seiner Schwestern aufgenommen worden war. Da er aber auf dem Hof nicht helfen konnte, behandelte man ihn wie einen Bettler. Man lud die Bauern aus der Nachbarschaft ein und gab ihm zur Belustigung Holz, Blätter und Dreck zu essen. Als das langweilig wurde, begann man, ihm ins Gesicht zu schlagen, und lachte über seine zuckenden Augenlider und vergeblichen Anstrengungen, die Schläge abzuwehren. Außerdem musste er betteln gehen, selbst im Winter, wenn es dicht verschneit war.

Einmal an einem solchen Tag, der Boden war so hartgefroren, dass man  im Dorf eine Beerdigung verschieben musste, hatte ihn sein Schwager am Morgen auf eine Landstraße geführt. Er ließ ihn den ganzen Tag dort stehen, und als es Nacht wurde, erzählte er seinen Leuten, dass er ihn nicht wiedergefunden hätte. 

Der Blinde hatte stundenlang an der Straße gestanden und gewartet. Gegen Abend, als er fühlte, dass er erfrieren würde, war er einfach drauflosgegangen. Dabei war er mehrere Male in einen verschneiten Graben gestürzt, hatte sich in den Ackerfurchen die Knöchel verstaucht und war doch immer wieder aufgestanden, um weiter nach einem Haus zu suchen. Irgendwann, als es bereits tiefe Nacht war und ihn seine schwachen Beine nicht mehr tragen konnten, hatte er sich hingesetzt und war nicht mehr aufgestanden.

Man fand seinen Kadaver erst im Frühjahr, als der Schnee schmolz und ein dichter Schwarm Raben unablässig über der Ebene kreiste, sich wie eine schwarze Regenwolke niederließ, wieder aufflog und immer wieder zurückkehrte. 

Wenn Béla diese Geschichte erzählte, schämte sich Eva dafür, ein Mensch zu sein. Sie wünschte sich dann, sie wäre ein Hund, eine Spinne, ein Stuhl, ein Baum, ihretwegen sogar ein Rabe – nur kein Mensch mehr.“ 

Quelle: Nelio Biedermann, Lázár, 2026, S. 215 f.

© Molnár

Was ist mir aufgefallen? 

Zunächst: Béla hatte eine entscheidende Frage gestellt und beantwortet: Was will ich mit dieser Geschichte vom Blinden tun?

Generell: Wissen Sie, warum so viele Reden so durchschnittlich sind und niemanden berühren oder bewegen oder gar „vom Hocker reißen“? 

Meine Antwort: Weil nicht einmal der Redner selbst weiß, was er hier eigentlich TUT mit seiner Rede. Woher soll er es auch wissen, hat er sich doch diese Frage beim Vorbereiten gar nicht gestellt. Natürlich fehlen dann Spannung und Energie. Logisch, nicht wahr? 

Tipp: Frage am Anfang der Vorbereitung nicht: „Was soll ich zu diesem Thema sagen?“ Deine erste Frage laute: „Was will ich mit dieser Rede tun?“ Wie Béla. 

Béla „hatte […] die Geschichte zur moralischen Erziehung und Schulung des Mitgefühls regelmäßig erzählt.“ 

Weil Béla die Geschichte mit Sinn und Ziel eingesetzt hat, kommt sie nun, mitten im Krieg, neu ins Gedächtnis zurück; das Monströse der Geschichte vom Blinden wird durch die bitterkalte Realität der Flucht im Krieg bestätigt.

Nie, nie im Leben wollten die Lázárs so werden wie die Verwandten des Blinden. Das Mitgefühl zu schulen, hatte Béla beabsichtigt. Ist es ihm gelungen?

Ob sie die einsame, verzweifelte und dem Erfrieren nahe junge Mutter dann tatsächlich auf ihrer Kutsche mitnahmen, das erfahren wir nicht. Wenn ja, dann hat das Monster verloren. Wenn ja, war es gar nicht erst zu Wort gekommen. Die Lázárs hätten es besiegt.

Sodann: Eine gute Geschichte gut zu erzählen, ist ein rhetorisches Instrument. Niemand läßt sich alles sagen, jeder aber läßt sich alles erzählen. Anekdoten, Geschichten hören alle gern. Wir brauchen gute Geschichten. Gute Redner erzählen sie. 

Schließlich: Béla wollte mit dieser Geschichte moralisch erziehen und das Mitgefühl der Lázár-Kinder schulen, erfahren wir. Moralisch zu erziehen ist riskant. 

Moralalarm

Moral in der Rede ist immer gefährlich. Inwiefern? Wir tun uns ganz leicht damit, moralinsauer zu werden. Ganz leicht kann es so klingen als wäre ich moralisch den Hörern überlegen. Ganz schnell kann es passieren, daß wir den moralischen Zeigefinger erheben. 

Wie hat Béla sein Ziel erreicht? Er hat keine einzige Sekunde lang moralisiert. Wie hat er das geschafft? Er hat diese Geschichte erzählt. Eine Geschichte zu erzählen, das ist ein rhetorisches Instrument. Das hat sich bewährt.  

Der Vorteil der Geschichte: Nicht der Redner muß zum Hörer sagen, was gut und böse ist. Die Geschichte übernimmt diese Aufgabe. Der Redner erzählt nur. Moralisch schulen tut die Geschichte, die Leute also, die in der Geschichte vorkommen. Das ist sehr klug. Redner, wähle eine passende, treffende Geschichte aus und lasse sie dann wirken. Sie wird’s gut machen. 

Béla hat das Beispiel eines blinden Mannes erzählt. In diesem Fall ein so schlimmes, unmenschliches, unerträglich unsägliches Beispiel mit einem so traurigen, tragischen Ende, daß jeder, der das hört, nur erschüttert sein kann.

Béla mußte jetzt nicht mehr sagen: „Das darfst Du nie tun!“ Das hat sich jetzt von selbst verstanden. Béla war bei alledem menschlich auf Augenhöhe mit den Kindern Lázár. Geschichten, gut und öfter erzählt, wirken ein ganzes Menschenleben lang.

Tipp: Erzählen Sie! Erzählen Sie gut (üben Sie das)! Hören und lesen Sie im Alltag bewußt und sammeln Sie gute Geschichten. 

Nebeneffekt: Ihrer rhetorischen Reputation tut das nur gut. Gute Erzähler sind allseits beliebt. 

Böse Geschichten – gute Geschichten

Beim Lesen dieses Romans habe ich neu entdeckt: Auch schlimme Geschichten zu erzählen, ist eine Aufgabe guter Redner, sobald die Situation dies nahelegt. Weil es denn sein muß, müssen wir dem gefaßt ins Auge schauen und böse Geschichten sammeln, nicht nur gute. 

Um Monströses nach Menschenmöglichkeit zu vermeiden, ist das eine Aufgabe der Rhetorik des Krieges der ganz anderen Art

Defizit: Wir hören heute viel von Krieg und Herstellung der Kriegsbereitschaft, viele der europäischen Politiker wollen bewußt eskalieren. Rhetorik dieser Art hören wir oft. 

Kriegsrhetorik der ganz anderen Art hören wir viel seltener. Für die mentale existentielle Vorbereitung ist sie allerdings unerläßlich. Wir brauchen diese Zurüstung. Sie muß sein. Denn unsere Decke der Zivilisation ist so dünn, daß es ganz leicht dazu kommen kann, daß die Barbarei unter uns Oberhand gewinnt. 

Darum: Redner, rede in historisch entscheidender Zeit der Kriegsvorbereitungen und übe Dich in der Rhetorik des Krieges in ganz anderer Art. 

Geschichten wie die von Béla für die Lázárs sind ein Muster, ein Beispiel dafür.  

Post Scriptum

Hinweis Nummer eins: Romanlesern empfehle ich Lázár sehr. Ich bin stark beeindruckt von diesem Werk eines ganz Jungen. Nelio Biedermann, Lázár, 2026

Hinweis Nummer zwei gilt ein paar anderen Geschichten, die ich in dieser Kolumne gezeigt habe, weil man sie gut erzählen kann. Drei Beispiele: 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , .