Géza Ákos Molnár 16. Dezember 2025
Rhetorikseminar, gerade jetzt vor einer Woche.
Da stand er vor mir, der sportlich schlanke Jüngling. Dunkelgrauer Slim Fit-Anzug. Blütenweißes Hemd. Auf Hochglanz polierte schwarze Schuhe. Aufrecht, Blick geradeaus auf mich gerichtet, stolz und freundlich sein Gesichtsausdruck, entspannt und fokussiert zugleich; souverän. Selten schön anzusehen.
In unserm Rhetorikseminar vor gerade einmal einer Woche war nun er an der Reihe, seine Rede zu halten.
Die schöne Überraschung: Nicht nur der Anblick war schön. Die ganze Rede war wunderschön anzuhören. Eine Labsal für meine Seele.
Das Ganze war ein Gesamtkunstwerk aus äußerer Erscheinung, ausgefeiltem rhetorischem Handwerk, innerer Überzeugung, ernsthaftem Tiefgang, feinem Witz und ansteckendem Sendungsbewußtsein.
Und all das in vollkommen freier Rede. Das vorbereitete Konzept nicht in der Hand, sondern in seinem klugen Kopf.
Einer aus der Runde gab ihm in seinem Feedbackbeitrag einen Spitznamen, den ich fortan für ihn gebrauche: der Aristokrat. Der Mann aus der Runde hat den Aristokrat auch begründet:
Den Überraschungseffekt hat er auf seiner Seite. Das steht außer Frage. Der Mann ist Mitte zwanzig.
Der Aristokrat aus Graz. Rhetorisch hochbegabt. Hat er von Kindheit an viele gute Bücher gelesen? Etwa aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Hat ihn ein guter Deutschlehrer geprägt? Hat er gebildete Großeltern und Eltern, die auch viel mit ihm geredet haben, ohne in infantiles Deutsch „in einfacher Sprache“ zu verfallen?
Ich weiß es nicht. Ich behalte ihn auf jeden Fall in guter Erinnerung. Er hat meine rhetorische Seele erquickt.
Sagen Sie noch erquicken, werter Leser? Schon als Kind liebte ich dieses Wort. Kennengelernt habe ich es im evangelischen Kindergottesdienst. Martin Luther hat es gebraucht, um Jesus Christus in deutscher Sprache zu zitieren:
„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken.“ (Matthäus 11,28).
Erquicken löst ganz eigene Gefühle in mir aus. Es klingt für mich wie frische Kraft und guten Mut und neue Zuversicht auf einmal geschenkt zu bekommen, um die Mühsal und das Gewicht der mir aufgebürdeten Last gleich viel leichter weiterzutragen.
Um manche Wörter ist es wirklich schade, wenn sie uns verloren gehen. Wir darben dann in unserer ganzen Ausdrucksweise, rhetorisch und literarisch.
Somanches verlorengegangene Wort täte gut, würden wir es wiederentdecken und neu in Umlauf bringen.
Es hülfe,
Der totale Kontrast: Was halten Sie von WhatsApp-Deutsch? Beobachten Sie es in den Gruppen? Ahnen Sie auch, daß viel Nervendes, Mißverständliches, Irreführendes und Unnötiges tatsächlich seine Ursache in armer, infantiler Sprache mit sehr kleinem Wortschatz hat?
Power-Point-Deutsch klingt nur professioneller, ist aber ähnlich armselig wie WhatsApp-Deutsch.
Ich lese gerade dieses hochinteressante Buch:
Matthias Heine, Verschwundene Wörter. 181 kuriose Wörter von damals und ihre Geschichten, Berlin 2025.
Bevor er die 181 Wörter zeigt, klärt uns Herr Heine über verschiedene Ursachen für das Verschwinden von deutschen Wörtern auf. Es sind sachliche und weltanschauliche Gründe oder es liegt schlicht an der natürlichen Entwicklung unserer Alltagssprache und ihrer Beeinflußung durch zum Beispiel technische Entwicklungen, die mit dem alten Vokabular schlicht nicht zu benennen sind.
Wenn Wörter verschwinden, ist das nicht immer zu bedauern, sondern schlicht zur Kenntnis zu nehmen. Wenn ein Beruf verschwunden ist, etwa der Ameisler, dann ist das geschichtlich hochinteressant, rhetorisch aber wirklich irrelevant.
Sehr bedauerlich finde ich, wenn Wörter nur verschwinden, weil wir literarisch, rhetorich faul und schlampig geworden sind und die Schönheit von Sprache als eigenen Aspekt aus den Augen verloren haben.
Mein Aristokrat hat mich vor einer Woche daran erinnert: Wer schön redet und wer elegant spricht – der tut gut. Er erquickt die Seele. Er erquickt den Geist.
Jetzt noch eine kleine Frage an Sie: Welche Wörter in diesem Artikel zählen Sie zu alten, vielleicht mittlerweile sogar verschwundenen Wörtern, die man allerdings durchaus neu in Umlauf bringen kann – und sei es nur zum Gaudium im Publikum?
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