Die ganz andere Rhetorik des Krieges Teil 1

Géza Ákos Molnár 25. Juli 2026


Ich zeige Ihnen heute nicht die Kriegsrhetorik wie wir sie kennen, wo ein Staatenlenker sein Volk oder der Feldherr seine Truppen auf den bevorstehenden Krieg einstimmt oder zu ihm aufruft.

Roger Köppel aus der Schweiz, Chefredakteur der Zeitung Die Weltwoche, hat Anfang Juli 2026 eine flammende youtube Rede gehalten, in freier Rede vor laufender Kamera. Es ging um den Krieg Rußland versus Ukraine. Aber es war alles ganz anders.  

Roger Köppel, ein großer Redner

Warum ist mir die folgende Passage in bezug auf ihre Rhetorik besonders aufgefallen? 

  • Sie hat mich als Bürger Europas berührt und 
  • mich als einen, der immer nach rhetorischen Vorbildern Ausschau hält, fachlich tief beeindruckt. 

Köppel ist ein sehr gutes Beispiel für den biblischen Befund: „Wes Herz voll ist, des geht der Mund über.“ (Matth. 12,34, ich liebe Luthers Stil). Wer etwas zu sagen hat, weil er wirklich daran glaubt, mit allen Fasern seines Herzens, der kommt in der Folge auch gut rüber und wirkt. 

  • In leidenschaftlichem Redefluß hat Herr Köppel druckreif ein Stilmittel der antiken Rhetorik verwendet. Damit ist ihm beides optimal gelungen. Er hat seine Hörer die Dringlichkeit seiner Botschaft intensiv spüren lassen. Und das für uns schier Unerträgliche seiner These hat er verträglich formuliert.
  • Nicht politische, nicht strategische, nicht wirtschaftliche Aspekte betrachtet er in dieser Redepassage. Er überrascht mit einem zutiefst existentiellen, zutiefst menschlichen, höchst erschreckenden Aspekt, der im Krieg jeden Menschen betrifft. Er konfrontiert uns mit dem schrecklich Menschlichen, das wir ahnen, von dem wir insgeheim wissen, das wir aber bis heute tabuisiert haben. 

Doch hören Sie ihn selbst: Roger Köppel, Weltwoche Daily, 08.07.2026, TC 15:43 bis 17:20.  

Hier das Transkript dieses Ausschnittes

„[ … ] unterschätzen wir einfach nicht den Faktor Eskalation. 

  • Kriege sind Haß. 
  • Der Krieg ist ein Monster, das sich ständig wandelt. Und 
  • Kriege haben etwas Dämonisches. 
  • Sie ziehen die Menschen in sich hinein. 
  • Sie verwandeln sich die Menschen an. 
  • Sie vermonstern die Menschen. 

Und das beobachten wir immer wieder in Kriegen, daß plötzlich eben Gräueltaten passieren, die in anderen Umständen absolut undenkbar sind. Kriege stoßen das Tor zur Hölle auf. Und entfesseln etwas im Menschen, was tief drin schlummert: das Monster, das erweckt werden kann. 

Und hören wir mal auf, uns einzubilden, wir seien immun dagegen. 

Das ist auch ganz falsch. Das ist dieses schlimme woke Überlegenheitsgefühl: ‚Nein, nein! Ich bin da immun! Ich bin gepanzert im Drachenblut der reinen Moral. Ich könnte nie so schlimm sein wie unsere Großeltern!“ 

Ja, diese Selbsttäuschung, diese Selbsthypnose, das verstärken jetzt natürlich diese deutschen Zeitungen mit ihren Nazikarteien, wo die Heutigen, die Jungen sagen können: ‚Mein Gott, was bin ich für ein guter Mensch! Wie waren meine Großeltern, meine Urgroßeltern! Was waren das für schlimme Kerle!‘ 

Ich kann Ihnen sagen, diese Einstellung ist die beste Voraussetzung dafür, daß man selber zum größten Monster werden kann – wenn man es nämlich nicht für möglich erachtet.“

Was ist mir aufgefallen?

Zunächst: Haben Sie das antike Stilmittel schon beim Hören entdeckt oder erst beim Lesen oben? Fachchinesisch heißt es Trikolon, Trias oder Dreierstaffel. 

Das Trikolon hier ist besonders schön gelungen. Es ist sogar ein doppeltes. Ich habe den Eindruck, es ist ihm eher geschehen als daß er es extra geschaffen hätte. Rhetorische Übung machte diesen Meister. Und Leidenschaft macht Reden schön.

  • Das erste Trikolon beschreibt, was Krieg ist. Er ist Haß, er ist ein Monster, er ist dämonisch. 
  • Das zweite Trikolon erzählt, was Kriege tun. Sie ziehen Menschen in sich hinein. Sie verwandeln sich die Menschen an. – Was für seltsame Formulierungen: Menschen in sich hineinziehen, sich die Menschen anverwandeln. Und dann die dritte Sache, das erste Trikolon zuspitzend: Sie vermonstern die Menschen. 

Sodann: Köppel zieht zwei konzentrische Kreise. Er bringt uns die kaum ansprechbare Wahrheit behutsam in zwei Phasen bei, um uns mit ihr nicht zu erschlagen oder zu verschrecken, uns aber doch mit ihr zu konfrontieren. Es muß sein. 

  • Der äußere konzentrische Kreis: das Monster im Menschen ganz allgemein; ich bin hier nur Teil der Menschheit, einer von vielen. Das tut noch nicht wirklich weh.
  • Dann zieht Köppel nolens volens den engen, den inneren konzentrischen Kreis. Es geht ans Eingemachte. Wir sind gemeint. Das Monster in uns. In uns höchstpersönlich. „Hören wir mal auf, uns einzubilden, wir seien immun dagegen.“ Das tut schon weh. 

Gift und Wohltat der ernsthaften Rede

Schließlich: Mit dem Singular individuell persönlich zu werden, mit „Sie“ oder „Du“ den Einzelnen und sein Monster in ihm zu nennen, das wäre womöglich kontraproduktiv geworden; das wäre zu nah am immerhin ja unbekannten Hörer gewesen. 

Distanzlosigkeit ist das Gift der ernsthaften Rede. Nähe zum Hörer um der Wahrheit willen hingegen ihre Wohltat. Köppel hat diese Gratwanderung großartig gemeistert. 

Das Monster-Motiv 

Das nenne ich die ganz andere Kriegsrhetorik. Den Krieg zu stoppen, weil das Monster in uns allen sonst ganz, ganz schnell und böse wach werden kann! Wehe uns, dann! Das ist die Quintessenz dieser Passage der freilich umfangreicheren Rede. 

Das Unaussprechliche auszusprechen ist ein rhetorischer Auftrag in historisch entscheidender Zeit. 

Der gute Redner artikuliert, was viele Menschen instinktiv erahnen, aber gar nicht in Worte fassen können. Es tut ihnen gut, wenn sie das dann aus dem Munde dessen zu hören bekommen, „des Herz voll ist.“ Der gute Redner spricht Wahrheiten des Menschen und seiner Natur („conditio humana“ formuliert Köppel an anderer Stelle) an, die wir lieber verdrängen und tabuisieren. 

Im entscheidenden Augenblick rede! 

Es tut gut und ist notwendig, daß wir Redner, wenn die Zeit reif geworden ist, Tabus antasten. Das gilt umfassend. Auch für andere existentielle Bedrohungen als den nun drohenden Krieg in Europa, etwa für Unternehmen Mitarbeitern gegenüber und vor wirtschaftlichem Totalabsturz von ganzen Staaten Bürgern gegenüber.  

Das mag Hörer auf’s Erste erschrecken und erschüttern. Klar. Mutig aber und mit ganzer Überzeugung geredet, macht es den Redner und seine Hörer frei, ganz andere Wege einzuschlagen als die allseits als alternativlos angepriesenen. Mit den ganz anderen Wegen setzt Köppel dann seine Rede auch fort. 

Eine kleine Anregung

Sind Sie neugierig, wie Roger Köppel seine These vom Monster des Krieges mit anderen Worten veranschaulicht? Haben Sie drei Minuten? Dann sehen Sie in einem andern Gespräch Köppels mit einem Kollegen diese Passage von TC 23:30 bis 26:33 an

Diese Passage habe ich für Sie transkribiert. Wenn Sie möchten, lesen Sie sie in diesem PDF-File hier.

Ausblick

Werte Leser, dieses war der erste Teil der ganz anderen Kriegsrhetorik. Der zweite folgt sogleich. Er wird ein ganz anderes rhetorisches Werkzeug zum selben Thema zeigen. Wieder von einem Schweizer, einem sehr jungen Mann, der uns sogar im Angesicht des Monsters Krieg mit einer entscheidenden, guten Aussicht beschenkt. Es wird kontrastreich werden.

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