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Die Formel für eine tolle Motivationsrede

Géza Ákos Molnár 19. Mai 2020


Das hier ist eine klassische kurze Motivationsrede einer US-Amerikanerin. Ich habe von Frau Dr. Bertice Berry nie zuvor gehört. Das Erste, was ich von ihr gehört habe, war diese Rede hier:

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Die Videoaufnahme an sich gibt – vordergründig – nicht viel her. Ganz einfach mit einem Smartphone gefilmt. Keine extra Beleuchtung. Kein eigenes Setting. Keine Studioqualität. Nichts Besonderes.

Nichts Besonderes? In diesem Fall paßt das gut.

Inwiefern?
Weil es in der ganzen Rede – vordergründig – um nichts Besonderes geht. Eine nicht besondere Geschichte eines nicht außergewöhnlichen Mädchens und von ein paar ganz gewöhnlichen Frauen mit einem nicht so besonderen Beruf. Vordergründig wohlgemerkt.

Inhaltlich geht es um einen Rat einer erfahrenen Putzfrau an ein junges Putzmädchen und was daraus geworden ist und wie man das ins Leben ganz allgemein übertragen kann.

ABER – und mein Rhetorikerherz hüpft vor Freude – das ist ja auch die Botschaft:
Jeder noch so nicht-besondere Mensch hat das Besondere, mit dem er strahlt und leuchtet.

Und Bertice Berry sagt das in einer ganz schlichten Art durch ihr Smartphone – so aufgenommen, daß man sich denkt (obwohl das Gegenteil stimmt): hey, guter spontaner Einfall, gut spontan geredet, gut spontan gedreht und schnell ins Netz gestellt.

Wumm! Wow! Was für ein Weib! (Anm. f. Feminist*INNEN: Für einen Mann wie mich ist das ein Ausruf der Begeisterung über eine richtige Frau!)

Und mit was für einer Botschaft! Ich fasse sie mit diesen Sätzen zusammen:

Always clean the light! – There’s a light inside of each of us. – Your light needs to be nurtured and loved and cared for. – Shine your light! – The world needs you to shine.

Diese Motivationsrede ist eine rhetorisches Gesamtkunstwerk, das in sich harmonisch und schön ist und wirkt.

In einem professionellen Studio siebenundzwanzig Mal aufgenommen und dann ebenso professionell die jeweils besten Aufnahmen ganz toll zusammengeschnitten und mit einem Sound versehen, der Dich ins Schwingen versetzt?

Frau Berry Bertice hätte das locker auf die Reihe gekriegt mit der Showerfahrung, die sie in den USA gesammelt hat. Hätte das dieser Rede aber gut getan?

Ich sage Ihnen: So, wie sie das hier gemacht hat, war es goldrichtig. Warum? Weil die Geschichte, ihre Botschaft und diese Aufnahme das Schlichte und Wahre so gut wiedergeben. Es paßt einfach alles zusammen.

Die kurze Motivationsrede von Frau Berry ist nicht nur wegen der Art des Videos und wegen ihrer selbst so gut gelungen, sondern weil sie auch sehr gediegen geschrieben worden ist.


Eine gute Rede erkennt man an ihrer guten Struktur.

Weil Bertice Berry so dialogisch, persönlich erzählt hat (wichtig für eine Motivationsrede, daß sie eine Geschichte aus der Praxis des Lebens erzählt) hat sie gut daran getan, nicht mit erstens, zweitens und drittens daherzukommen.

Die Rede soll ja weniger analytisch die ratio füttern; sondern sie soll mehr die emotio berühren und bewegen. Darum hat sie uns bildlich gesprochen freundlich lächelnd an der Hand genommen und hat uns unterwegs einiges gezeigt. Und am Schluß hat sie uns selbst entdecken lassen, daß das ja alles mit uns zu tun hat.

Die Struktur mit Überschriften sichtbar gemacht.

1. Einleitung: Sie stellt sich ganz knapp vor.

Hi, I’m Doctor Bertice Berry.

2. Teil I. Geschichte

Sie erzählt von ihrer Arbeit in ihrer Jugend: Putzen [ganz allgemein]

When I was a girl growing up I did cleaning work.
I did all kinds of cleaning work. When I cleaned houses in the morning and in weekends, and in the evenings I cleaned banks, and I would catch the bus to and from work.
And I started this job probably when I was about twelve and continued all the way through high school. And then some time in graduate school even.

  1. Sie beschreibt einen Teilaspekt aus ihrem Arbeitsalltag [konkreter]

    But I would meet these other women who were on the corner – I say other women – I was a girl, they were women. And they would be on the corner with me catching the bus to and from.
    And I would ask them all kinds of questions about how to clean, what to clean, what’s the best way to use this.

  2. Sie zeigt den Sinn ihrer Arbeit. [Vorbereitung für Teil II: Botschaft]

    And they would tell me, because they knew then what the world is finding out now: that cleaning work is essential work and without good cleaning and sanitation everybody gets sick.

  3. Eine Detailgeschichte aus ihrem Arbeitsalltag. Sie ist die Hauptgeschichte der ganzen Rede. [spezifisch-konkret; Qualitätsdetail: echte Dialoge]

    One woman would be off to the side kind of quiet. And she always was kind of sizing me up. And then one day she pulled me aside, and she said:
    Little girl, always clean the light!
    I said: Ma’am?
    And she said: Always take care of the lights.
    Ma’am?
    She said: Every house you go in, in that first hallway there’s always a big chandelier – nobody’s cleaned it. Get yourself a ladder! Climb up there, climb up to that light and take your solution with you. Put it in a little bowl and clean each crystal. And clean the base and make sure you clean the bulb. Make sure you clean the light itself, because nobody cleans the light! And if you take care of the light, everything shines.

  4. Resultat, die Früchte aus der Geschichte

    Well, I did what she said. The very first time I did it the woman of the house came out and said: What did you do? It looks amazing in here!
    And the husband came in and he said: Who is this girl? Who ever she is get her back and make sure you pay her extra!

3. Teil II. Botschaft
  1. Überschrift – Motto

    Always take care of the light!

  2. Schlußfolgerung für ihr eigenes Leben

    That has stayed with me. In my life I don’t do cleaning work anymore for a job, for a living. But I always take care of the light.

  3. Schlußfolgerung für das Leben der Adressaten ihrer Rede.
    1. erste Ausführung

      There’s a light inside of each of us. That must be nurtured. That must be cared for. That needs to shine brightly.
      It hasn’t been addressed. It hasn’t been talked to. It hasn’t been loved.
      Give it the music it wants. Give it the dance it needs. Give it the sunshine its soul admires. Give it the stars at night!

    2. redundierende zweite Ausführung [Anm.: u.U. verzichtbar; Geschmacksfrage]

      Your light – that thing about you that shines so brightly that others want to see – needs to be nurtured and loved and cared for, it’s been forgotten. We’re giving this time to really take care of the light.
      Shine! And when you do you give others permission to do the same.

4. Schluß: Motivationsappell

Don’t hide your light somewhere under a bushel or in a corner! Shine your light, and take care of it, nurture it, love it! The world needs you to shine.


Was ist das Spezifische am Motivieren?

Daß ich jemanden auf dem Wege der Ermutigung dazu bringe, etwas Konkretes zu tun, zu dem er sehr wohl in der Lage ist und das ihm gut tut und vielleicht sogar den andern um ihn herum.

Bertice Berry tut das hier, und darum ist das auch wirklich eine Motivationsrede. Sie geht von etwas Konkretem aus, das jeder in sich hat. In dem Fall ist es das Licht: Es liegt auf der Hand, was sie damit meint, Begabung etwa oder ein Talent, Können, Charakter, Fähigkeit, besondere Erfahrung auf einem Gebiet – das interpretiert dann der Hörer schon für sich.

Und nun geht es „nur mehr“ darum, sich a/ dessen, das da ist, bewußt zu sein und b/ daß man das nicht verstauben und brachliegen läßt, sondern es wartet, gebraucht, beübt, bespielt, aktiviert. In dem Fall der Rede ganz allgemein: das Licht unterm Scheffel hervorholen, ihm geben, was es zum Leuchten braucht und dann strahlen lassen.

Frau Dr. Bertice hat eins goldrichtig dazugetan: den Sinn des Ganzen: Die Welt braucht Dich zum Scheinen.

Fachchinesisch nennen wir das den indikativischen Imperativ.

Richtige Motivation ist immer indikativischer Imperativ: Weil Du ein Licht bist (Indikativ), darum scheine, bring Dich zum Leuchten (Imperativ)!

Weil Du ein Tänzertyp bist, tanze. Weil Du so gut zuhören kannst, höre zu. Weil Du unglaublich geschickt bist, entwickle eine Profession daraus! Weil Du Tiere liebst, mache etwas für sie.

Die allerbeste Motivationsrede würde mich zu keinem Tänzer machen, denn Tanzen ist nicht in mir angelegt; dasselbe gilt für Buchhaltung, denn Zahlentabellen sind in mir nicht drin. Niemand, nicht einmal der allerbeste Motivationsredner kann mich dazu motivieren.

Warum ist das so? Weil der passende Indikativ in mir fehlt. Der Imperativ ohne Indikativ würde mich nerven, schrecken oder entmutigen und depressiv machen.

Anmerkung: Das ist nicht nur in der Rhetorik der Motivationsrede so wichtig, sondern allgemein in der Talenteentwicklung und -förderung bei Kindern und Jugendlichen und bei der Personalentwicklung in Firmen: der Zusammenhang Indikativ-Imperativ. Spezialfall: Pubertät: Gibt es da überhaupt einen Indikativ? Es führt zu weit, zurück zur Rede…

Bertice Berry hat ihren Doktor nicht umsonst. Sie ist amerikanische Soziologin (ist etwas anderes als EU-Soziologen, die Profitmachen und freie Marktwirtschaft, Leistung und Lohn oft mit scheelen Augen betrachten): Sie redet auch nicht-ideell vom Erfolgserlebnis und dem Extralohn, der dem Ausführen des indikativischen Imperativs folgt: Das Putzen der Lampen hat sich auch geldmäßig gelohnt. Pay her extra!


Meine Formel für die Motivationsrede:

Motivationsrede = indikativischer Imperativ + Sinn (ideell) + Nutzen/Vorteil/Profit
Indikativischer Imperativ + Sinn (ideell) + Nutzen/Vorteil/Profit = Motivationsrede


Darum ist es immer gut, bevor wir uns anschicken, eine Motivationsrede zu halten, den genauen Gegencheck zu machen und uns zu fragen, ob wir alle 3 Dinge der Formel oben positiv und sehr konkret benennen und mit konkreten realistischen Beispielen belegen können.

Mein Tipp für die Vorbereitung einer Motivationsrede:

Wenn Sie etwa ein Chef sind und eine Motivationsrede halten wollen, prüfen Sie vorher:

  • Sind die Voraussetzungen gegeben, die für das realistische Motivieren zum Thema XY notwendig sind: alle Arten von Ressourcen und Fähigkeiten und Gegebenheiten = der Indikativ, den ich ja für den sinnvollen Imperativ brauche?
  • Ist der allgemeine ideelle Sinn des Motivationsthemas XY zu erschließen, zu zeigen und mit den Hörern der Rede zu teilen?
  • Ist ein Erfolgserlebnis, ein Profit, ein Nutzen realistisch zu erwarten und damit auch zu verheißen und in Aussicht zu stellen?

Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen für Ihre nächste Motivationsrede! Und wenn Sie irgendwo eine hören, und es macht Ihnen Spaß, prüfen Sie mal, ob da meine Formel aufgegangen ist.
Wenn Ihnen etwas unter Ihren Fingernägeln brennt und Sie spüren: Ich müßte jetzt eine richtig gute Motivationsrede halten zu meiner Mannschaft, dann stehe ich Ihnen gerne zur Seite. Machen wir aus Ihrer Idee eine so richtig gute Motivationsrede!

 

Melden Sie sich bei mir, Sie sind immer willkommen!

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